Nach Schweden auswandern – Anna im Interview

Warum hast du dich für einen Umzug nach Schweden entschieden?

Gute Frage 😅 Ich habe letztes Jahr zufällig einen Schweden kennen gelernt, der an den Höga Kusten lebt und arbeitet. Der hat mir die Gegend schmackhaft gemacht und da ich jahrelang nicht mehr im Urlaub war, habe ich mich entschlossen dort alleine hin zu fliegen und mich selbst davon zu überzeugen, ob es wirklich so toll ist. Ja, was soll ich sagen?: es war tausendmal besser! Diese Natur alleine ist schon ein Erlebnis! Ich war stundenlang alleine unterwegs und hab mich kein einziges mal einsam oder alleine gefühlt. Auch diese Farben waren der Hammer. Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe selten so einen strahlenden, blauen Himmel gesehen. Ich konnte meinem hektischen Alltag komplett entfliehen und hab mich sofort Zuhause gefühlt. Auch die Schweden an sich sind sehr nette und herzliche Menschen. Ich bin überall sofort aufgenommen worden und war auch schnell integriert. Ich habe auch wahnsinnig gute Unterhaltungen geführt und viele Menschen kennen gelernt. Es war einfach die schönste Zeit für mich. Und ehrlich gesagt war mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst, dass ich dorthin auswandern möchte. Seltsamerweise wussten es alle anderen vor mir. Als ich zurück kam nach München haben mich viele meiner Freunde und Bekannte angesprochen, dass ich viel glücklicher und zufriedener nach Hause gekommen bin und ausgeglichener wirke. Erst dann habe ich angefangen darüber nachzudenken warum…. Und nach vielen Gedanken und Gesprächen habe ich den Entschluss gefasst, dieses Abenteuer zu wagen…

War es schwer einen Job zu finden?


Jein. Mein Job (Erzieherin) ist in Schweden reglementiert. Das heißt ich kann nicht einfach so arbeiten, sondern brauche eine Legitimation durch das schwedische Schulamt (Skolverket). Ich hatte mich vorab schon erkundigt und auch in einigen Foren nachgefragt und hab überall die gleiche Antwort bekommen:
Keine Chance auf eine Anstellung und schlechte Bezahlung. Wenn ich eins gelernt habe in der letzten Zeit, dann, dass man das was in diesen Foren erzählt wird nur zu einem kleinen Teil stimmt….! Jeder macht andere Erfahrungen und bei manchen ist wohl auch viel Frust angestaut…
Naja wie auch immer: in Schweden bin ich als ‘förskollärare’, also Vorschullehrerin und ’fritidslärare’, also Freizeitlehrerin anerkannt. Warum? Weil die Ausbildung in Bayern zur staatlich anerkannten Erzieherin insgesamt fünf Jahre dauert, was mehr ist, als das Studium in Schweden (3 Jahre) und eine Ausbildung in einer Fachakademie in Schweden dem Bachelorniveau entspricht. Noch dazu habe ich zwei Semester Bildungswissenschaften studiert und mehrere Zusatzausbildungen. Man bewirbt sich an den Kommunen oder auch Privatschulen selbst und stellt gleichzeitig – oder auch vorher – einen Antrag beim Skolverket zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse, um eine Legitimation zu erhalten. Dies kann schon einige Monate dauern. Man muss nachweisen können, dass man die schwedische Sprache beherrscht (Niveau B-C) und Zeugnisse, Fächernachweise und einige andere Dokumente ins schwedische übersetzt einreichen. Billig ist das Ganze nicht. Denn auch für die Bearbeitung der Legitimation muss man bezahlen (1500 SEK). Mit Übersetzungen habe ich umgerechnet fast 800€ bezahlt. Nur damit mein Abschluss anerkannt wird.
Ich habe mich bei mehreren Schulen beworben, u. a. in Skåne, Västernorrland, Småland und Östergotland. Insgesamt waren es sechs Bewerbungen. Die Vorstellungsgespräche fanden dann online statt, weil ich aufgrund von Covid-19 nicht nach Schweden fliegen konnte. Zuerst war Skåne dran, aber ehrlich gesagt verstehe ich den Dialekt überhaupt nicht und habe dort letztendlich nach dem Gespräch direkt abgesagt. Danach hatte ich zwei Gespräche in der Kommune von Örnsköldsvik. Zwei tolle Schulen mit tollen Rektoren und mein gutes Bauchgefühl, das ich von Anfang an bei einer der Schulen hatte, hat mich nicht enttäuscht. Ich habe bei beiden Schulen während des Gesprächs noch Zusagen bekommen und mich einen Ta später für meine Favoritenschule entschieden. Ich bereue es überhaupt nicht und fühle mich glücklich mit dieser Entscheidung. Zum Verdienst: als Lehrer handelt man das Gehalt aus. Ich werde ein bisschen mehr verdienen als in Deutschland, aber ich muss dazu sagen, dass ich in Deutschland einen Hort leite und somit auch eine Führungsposition habe. Ich Schweden ist dies mein Einstiegsgehalt, das immer wieder erhöht wird…!
Natürlich muss man jede Bewerbung individuell sehen und es gibt bestimmt die ein oder andere Person, die nicht so viel Glück hat. Ich habe eine gute und unfangreiche Ausbildung und hätte mich fast von den oben genannten Forenbeiträge beeinflussen lassen. Ein Tipp für alle die in ein anderes Land auswandern wollen: nehmt Kontakt zu Leuten auf, die dort wohnen und informiert euch persönlich bei denen. Jeder kennt immer jemanden, der weiterhelfen kann!

Worauf freust du dich am allermeisten?

Natur, Entspannung, auf meinen neuen Job, neue Leute kennen lernen, eine neue Kultur, wandern, Schlittschuhlaufen, Schnee, das Meer, die Berge… Auf so vieles! Ich bin total gespannt was mich erwartet! Ich weiß, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und weiß auch, dass ich vielleicht am Anfang kämpfen muss, aber letztendlich freue ich mich auf mein neues Zuhause! Auf alles!

Hast du Ängste?

Klar! Und es wäre gelogen, wenn jemand sagen würde, man hätte keine. Ich kenne das schwedische System noch nicht 100%ig. Ich weiß auf was ich alles achten muss, welche Stolpersteine es eventuell geben könnte und wo ich Hilfe finde, aber bleiben wir mal bei der Tatsache, dass ich alleine – ohne Familie – in ein fremdes Land ziehe… Ja, ich spreche schwedisch und ich kenne dort auch einige Leute vor Ort, aber trotzdem bin ich auf mich alleine gestellt – eine ungewisse Zukunft. Ich habe große Angst, aber wenn man im Leben nichts riskiert, wird man nie mutig und kann keine Erfahrungen sammeln!

Was war der ausschlaggebende Faktor das du dich für einen Umzug entschieden hast?

Ganz einfach: weil ich mich dort Zuhause fühle. Angekommen. Komplett.
Klingt kitschig, aber so sehr bei mir angkommen habe ich mich noch nie gefühlt. Und wenn der gesamte Körper, Kopf und die Emotionen schreien, dorthin zu gehen, dann sollte man es vielleicht auch tun… 😉

Warum hast du dich für Nordschweden entschieden?

Ich bin nicht ganz oben, das muss ich dazu sagen. Ich ziehe nach Örnsköldsvik, das liegt zwischen Umeå und Sundsvall, ist aber dennoch im Norrland. Das ist an den Höga Kusten (im übrigen einer der fünf schönsten Reiseziele in Schweden!) und dort ist die Natur auch irgendwie am Schönsten…!

Ich mag die Kontraste dort. Ein kalter, dunkler und langer Winter und ein milder, heller Sommer. Mich faszinieren die unterschiedlichen Jahreszeiten und die erlebt man dort wirklich noch hautnah. Und auch das Leben zwischen Meer und Bergen, was für mich immer ein Traum war.

Ich mag auch die dunkle Phase im Winter. Das ist für mich eine gemütliche Zeit, in der man ohne schlechtes Gewissen auch mal Zuhause sitzen kann. Zusammen mit Freunden kochen, ins Kino gehen, sich mit Buch und Tee aufs Sofa kuscheln. Außerdem muss ich dazu sagen, dass sich die schwedische Kälte anders anfühlt. In Deutschland ist das so, als würde die Kälte unter die Jeans kriechen, das ist dort anders. Gut, das sage ich jetzt, vielleicht ist es anders wenn ich dort dauerhaft bin und nicht mehr nach Deutschland zurück fliegen kann 😅

Und auch fasziniert mich die Natur und die Naturphänomene dort… Aurora Borealis oder auch Nordlichter sind dort doch sehr verbreitet. Leider habe ich während meinen Aufenthalten keine gesehen, aber der Sternenhimmel war eine Alternative. Man fühlt sich dem Himmel irgendwie näher. Auch die Ausflugsmöglichkeiten sind unbegrenzt. Von der Höga Kusten Brücke bis nach Skeppsmalen gibt es so viele wunderschöne Orte! Ulvön, Rotsidan, Skuleskogen Nationalpark und so vieles mehr.

Und was natürlich auch nicht zu vernachlässigen ist: ich kenne dort einfach schon Leute… Das ist dann schon leichter. Gerade am Anfang werde ich noch Unterstützung brauchen, bzw. auch Anschluss und wenn dort schon Menschen leben, die man kennt und mag, dann fällt es einem viel leichter dort zu starten.

Schaut mal auf Annas's Instagram vorbei
Anna hat auch einen eigenen Blog

Habt Ihr Lust noch ein Auswanderer Interview zu lesen? Dann schaut doch auch bei Sandy‘s Interview vorbei.

Published by Marco Strong

Marco & Elias - Inspiring the world for Stockholm 🇸🇪

2 thoughts on “Nach Schweden auswandern – Anna im Interview

  1. Ein tolles Interview! Gerade den Abschnitt zu der Jobsuche finde ich sehr spannend. Wenn man mit dem Gedanken spielt auszuwandern, dann steht man gerade zu Beginn gefühlt ja doch vor vielen Hürden und da ist es wirklich sehr leicht sich entmutigen zu lassen. Da ist es schön so eine positive Erfahrung zu lesen. Jetzt habe auch Lust auf Schweden 🙂

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