Nach Schweden auswandern – Wenn das Kind mit ins Büro darf

Verena im Interview

Hallo Verena, stell dich doch bitte kurz den Lesern vor.

Hej! Ich bin Verena, 33 Jahre alt und lebe seit dem Jahreswechsel 2016/17 gemeinsam mit meinem Mann und meiner (in Schweden geborenen) Tochter in Jämtland in Nordschweden. In den Sommermonaten bin ich in der Touristeninformation in Strömsund angestellt und informiere gerne über unsere schöne Gegend hier.

Stockholm ist meine Lieblingsstadt und ich war schon unzählige Male dort. Allerdings bin ich absolut kein Stadtmensch für längere Zeit und mag es gerne ländlicher. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir im Norden Schwedens gelandet sind. Ich mag Schweden sehr gerne und habe während meines Studiums 10 Monate lang in Finnland in Åbo/Turku gelebt.

Dort war unter anderem die Nähe zu Stockholm toll 🙂 Ich bin immer mal wieder für einen kleinen Abstecher mit der Fähre nach Schweden. 

Wann hattest du/ihr die Idee auszuwandern und warum Schweden?

Bei uns war die Idee auszuwandern nicht als solche da. Es hat sich glücklicherweise so ergeben. Wir sind beide große Schweden(/Skandinavien-)fans und haben schon manchmal im Urlaub davon gesprochen, wie schön es wäre, hier zu leben. Allerdings sind wir beide keine Einfach-Drauf-Los-Menschen und wären nicht einfach nach Schweden gezogen, nur weil uns das Land gefällt.

Mein Mann hat in Deutschland an einer Universität gearbeitet, dort aber leider keine Festanstellung bekommen. Es gab stattdessen immer wieder Projektanstellungen für ihn. Ich habe in Deutschland als Buchhändlerin gearbeitet und wir wollten gerne unsere Zukunft planen. Mit der damaligen Arbeitssituation war das allerdings nicht möglich.

Deshalb hat mein Mann angefangen, sich nach einer Arbeit umzuschauen, die er als Geograph gerne machen möchte. Ich habe Marketing, Kommunikation und Werbung studiert und anschließend meine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht. Wir waren uns sicher, dass ich als Quereinsteiger eher etwas bekommen kann. 

Und warum Schweden? Tja, genau da gab es einfach den richtigen Job für meinen Mann!

Wohin genau hat es dich gezogen und wieso genau dort? 

Wir sind beide aus Bayern und mögen den Winter. Für meinen Mann war klar, dass er in Schweden am liebsten in den Norden ziehen möchte. Beworben hat er sich auf seine Stelle in Strömsund im Spätsommer 2016, lustigerweise genau vor einem zweiwöchigen Schwedenurlaub.

Im Oktober sind wir für einen Tag nach Nordschweden geflogen, nachdem er bereits ein Jobinterview über Skype geführt hat. Er wurde direkt gefragt, wann er anfangen kann. Und wir haben uns dann vor Ort gemeinsam für Januar entschieden. Zurück in Deutschland haben wir also unsere Jobs gekündigt und unseren Umzug geplant.

Zum Jahreswechsel sind wir innerhalb von 48 Stunden aus unserer alten Wohnung direkt nach Strömsund gefahren. Wir sind freitags hier angekommen und am Montag darauf hat mein Mann angefangen, hier in Strömsund zu arbeiten.

Gibt es etwas, dass du vermisst?

Ich vermisse natürlich Familie und Freunde, aber wir haben hier inzwischen auch Freunde. Ansonsten gibt es gar nicht so viel. Ich habe es geliebt, als Buchhändlerin zu arbeiten und das geht so in Schweden leider nicht. Hier gibt es zum Beispiel keine Buchpreisbindung und Bücher werden eher ohne Beratung mitgenommen oder gleich im Internet gekauft. 

An Lebensmitteln vermisse ich eigentlich nichts. Oder besser gesagt, nichts mehr. Im Grunde ist das Essen hier ähnlich zu den Lebensmitteln in Deutschland. Allerdings gibt es hier bei uns nur Cafés und keine Bäckereien, welche Brot (und Semmeln) anbieten. Es gibt Brot, aber das ist eher süßlich und ohne Kruste oder Toastbrot.

Letztes Jahr habe ich aber angefangen, eigenes Sauerteigbrot zu backen und seitdem ich dieses Jahr endlich eigenen Sauerteig angesetzt habe, haben wir fast kein Brot mehr gekauft. Stattdessen gibt es fast jede Woche ein neues Sauerteigbrot und Semmeln (mit knuspriger Kruste!).


Was gefällt dir an Schweden am meisten?

Hier in Nordschweden finde ich die Ruhe und Entspanntheit toll. Die Schweden sind alle total aufgeschlossen und hilfsbereit. Es wird bei einer Neueinstellung, die mit einem Umzug verbunden ist, oft auch darauf geschaut, ob es dem jeweiligen Partner gefällt und ob es auch für ihn etwas zu tun gibt. 

Ich mag auch die Vorweihnachtszeit hier sehr gerne, in der hier in jedem Fenster in jedem Haus eine Lampe brennt. Das ist wirklich schön, vor allem, wenn es bereits so früh dunkel wird zu dieser Zeit.

Gibt es typisch schwedische Eigenschaften die einem auffallen?

Sowohl im privaten Bereich als auch in der Arbeit werden besonders positive Eigenschaften und Erfolge hervorgehoben. Diese positive Verstärkung ist wirklich auffällig, zeugt aber von Wertschätzung. Und wie bereits erwähnt, sind die Schweden im Allgemeinen sehr hilfsbereit und zuvorkommend.

Den Schweden ist außerdem “fika” heilig. Das ist eine Kaffeepause, in der es aber um mehr geht, als nur Kaffee trinken. Es geht mehr um das Zusammensein und Austauschen. Gerne aber mit Kaffee und (je nach Tageszeit) Brotzeit oder Gebäck.

Wenn man beispielsweise im Büro sitzt und es ist “fika”, dann steht auf jeden Fall jemand vor der Tür zum abholen, auch wenn man gerade noch kurz etwas fertig machen will. Außerdem werden (vielleicht auch eher hier im Norden?) Entfernungen oft in Zeitangaben gemessen.

Von Strömsund bis Östersund ist es zum Beispiel eine Stunde. Oder auch “10 mil”. Schweden verwenden statt Kilometer lieber die Bezeichnung “mil”, wobei “1 mil” 10 Kilometern entsprechen. 

Kommt eine Rückkehr nach Deutschland jemals wieder in Frage?

 Wir haben, als wir nach Schweden gezogen sind, nicht gesagt, dass wir nach einer gewissen Anzahl an Jahren wieder nach Deutschland ziehen wollen. Genausowenig haben wir aber gesagt, dass wir für immer hier leben wollen.

Aktuell gefällt es uns wirklich sehr gut hier und ich mag besonders die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit. So flexibel könnten wir in Deutschland auf keinen Fall sein und das genießen wir alle gerade sehr. Außerdem muss ich sagen, dass ich es toll finde, dass unsere Tochter zweisprachig aufwachsen kann.

Sie geht momentan noch nicht in die “dagis” (Kindergarten), wir haben aber bis Februar dieses Jahr regelmäßig die “öppna förskola” (öffentlicher Kindergarten, Eltern sind aber dabei, eher wie eine Spielgruppe) und “kyrkis” (Eltern-Kind-Treffen, von der schwedischen Kirche aus organisiert) besucht.

Dadurch und durch den Kontakt zu schwedischen Freunden versteht sie Schwedisch, spricht aktuell aber hauptsächlich Deutsch. 

Deine Tochter ist in Schweden auf die Welt gekommen, erzähl uns bitte mehr darüber?

Zuerst einmal: In Schweden wird man nicht durch Geburt im Land automatisch schwedischer Staatsbürger. Mindestens ein Elternteil muss die schwedische Staatsbürgerschaft haben.

Da dies bei uns nicht der Fall ist, ist unsere Tochter also ebenfalls Deutsche und vor einer Reise nach Deutschland durften wir erst einmal alle gemeinsam die deutsche Botschaft in Stockholm aufsuchen, um einen Pass für sie zu beantragen. 

Durch Erzählungen von Freundinnen weiß ich außerdem, dass es zum Beispiel bei den Untersuchungen in der Schwangerschaft einige Unterschiede gibt. In Schweden gibt es unter anderem nur einen vorgesehenen Ultraschall etwa in der Mitte der Schwangerschaft.

Ganz allgemein empfand ich das komplette Vorgehen der Hebammen hier sehr natürlich. Es werden keine medizinische Untersuchungen gemacht, die nicht notwendig sind und es wird mehr auf das Wohlbefinden der werdenden Mutter geschaut.

Bei der Geburt zum Beispiel wird möglichst erst einmal abgewartet, auch wenn der errechnete Entbindungstermin bereits verstrichen ist. Die Tatsache, dass unser Krankenhaus 100 km entfernt liegt, ist bei Freunden und Familie in Deutschland auch manchmal auf Erstaunen gestoßen. Aber es sind ja nur 10 mil 🙂

Wie war die Elternzeit? 

Auf jeden Fall nicht typisch für die Gegend hier 🙂 Bei vielen bleibt die Mutter zuerst für ein Jahr zu Hause und anschließend übernimmt der Vater dann nochmals für sechs Monate. Unsere Tochter ist am Ende unseres ersten Jahres in Schweden auf die Welt gekommen.

Ich habe im Sommer davor in der Touristeninformation gearbeitet und hatte geplant, das auch in unserem zweiten Jahr zu machen. Mein Mann sollte dafür dann ein paar Monate Elternzeit nehmen, wenn unsere Tochter ungefähr sechs Monate alt ist.

Allerdings bin ich Anfang des Jahres 2018 gefragt worden, ob ich in diesem Jahr nicht früher in der Touristeninformation anfangen kann, denn es gab personelle Engpässe. Ich konnte dann unsere damals 4-monatige Tochter mitnehmen und sie hat entweder auf einer Decke im Büro liegend gespielt oder in der Trage geschlafen.

Von meinen Kollegen gab es zur Geburt einen eigenen Arbeitspulli, denn sie muss ja “richtig gekleidet sein, wenn sie bei der Arbeit ist”. Mein Mann hat außerdem einige Kilometer mit dem Kinderwagen gut gemacht in dieser Zeit.

2019 hatte ich sie auch manchmal dabei, aber da hat mein Mann hauptsächlich Elternzeit genommen für diesen Zeitraum. In diesem Herbst erwarten wir wieder Nachwuchs und ich hoffe, dass wir eine ähnlich entspannte Zeit haben werden, wenn unser zweites Baby auf der Welt ist.

Hoffentlich kann ich auch nächstes Jahr wieder mit Baby in der Touristeninformation stehen.

Welchen Tipp würdest du Schweden-Auswanderern mit auf den Weg geben?

Wer wirklich nach Schweden möchte, der sollte die Sprache lernen. Wir, also mein Mann und ich, haben jahrelang verschiedene Schwedisch-Kurse gemacht. Zwar nicht mit dem Gedanken auszuwandern, sondern weil uns die Sprache gefällt und wir eben gerne in Schweden im Urlaub waren.

Ich habe zuerst an der VHS, dann wie mein Mann auch an der Universität, Kurse besucht. Wir haben das Land bereist und waren in verschiedenen Teilen Schwedens zu verschiedenen Jahreszeiten im Urlaub. Ich finde, man sollte sich schon ein wenig mit der Gegend auseinander setzen, in die man auswandert.

Natürlich kann es auch einfach so klappen, ohne Vorbereitung. Aber ich persönlich finde es wichtig, dass man zum Beispiel nicht nach einem einmaligen, zweiwöchigen Urlaub auswandert und man nur einen sehr begrenzten Eindruck hat.

Ich fand auch gut zu wissen, dass die Winter hier wirklich laaaang sind und es im Sommer dafür einige Wochen durchgehend hell ist.


Wo können Leute mehr über dich erfahren und deinem Auswandererleben in Schweden weiter verfolgen?

Ich bin auf Instagram aktiv oder ihr kommt im Sommer in der Touristeninformation in Strömsund vorbei, in der ich hoffentlich auch im nächsten Jahr wieder Touristen über den Vildmarksvägen und die Gegend hier informiere.
Danke, dass ich bei deiner Interview-Reihe dabei sein darf!

Vielen Dank für das Interview Verena!

Falls Ihr mehr über mein Leben in Schweden erfahren wollt, schaut auf meiner Instagram Seite vorbei.

Habt Ihr Lust auf einen weiteren Artikel? Dann Klickt hier – Titel: Roadtrip durch Schweden – Die beste Route

Published by Marco Strong

Marco & Elias - Inspiring the world for Stockholm 🇸🇪

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